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Das InsolvenzdiagnosemodellFür die weitere empirische Untersuchung soll hier ein Insolvenzdiagnosemodell verwendet werden, das zur Beurteilung von Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes entwickelt worden ist. Es nimmt die Einschätzung der Bonität von Unternehmen ausschließlich auf Basis der veröffentlichten Jahresabschlüsse vor und kommt zu einer Klassifikation in eine von vier Risikoklassen. Die Analyse erfolgt mit Hilfe von drei Diskriminanzmodellen, die in umfangreichen empirischen Tests ermittelt und anhand von neuen Fällen auf ihre Klassifikationsleistung überprüft wurden. Die Bildung des Urteils geschieht dabei auf Basis von Diskriminanzfunktionen in zwei Schritten. In einer Grobanalyse erfolgt eine erste Zuordnung der Unternehmen in eine der vier Risikoklassen. Eine Feinanalyse überprüft diese Zuordnung, in dem für die ersten beiden Risikoklassen eine grundsätzliche Einschätzung der Krisenwahrscheinlichkeit erfolgt, während für die beiden letzten Risikoklassen eine Überprüfung der Fortführungswahrscheinlichkeit vorgenommen wird. Die Klassifikationsergebnisse dieses Modells sollen nun so interpretiert werden, daß eine möglichst breite Vergleichbarkeit mit anderen Verfahren der Kreditwürdigkeitsprüfung möglich ist. Viele dieser Verfahren klassifizieren nur in zwei Klassen: Entweder ist eine kritische Unternehmensentwicklung zu erwarten oder nicht Diese Klassifizierung soll hier durch die beiden Risikoklassen I und IV abgebildet werden. Die Risikoklasse I umfaßt die Unternehmen mit einer prognostizierten unauffälligen Geschäftsentwicklung und stellt in Anlehnung an die traditionelle "Schwarz-Weiß"-Klassifizierung die Klasse "Weiß" dar, während Risikoklasse IV mit den insolvenzgefährdeten Unternehmen die Klasse "Schwarz" darstellen soll. Die Risikoklassen II und III werden zur "Grauen" Klasse zusammengefaßt. Sie soll stellvertretend für die Verfahren mit differenzierten Klassifikationen immer die Risikoklassen umfassen, die nicht zu den beiden oben abgebildeten Klassen gehören. Das Analysedesign der empirischen UntersuchungDas vorgestellte lnsolvenzdiagnosemodell soll im folgenden zur Analyse von börsennotierten Aktiengesellschaften verwendet werden. Das ermittelte Klassifikationsergebnis stellt dabei die Grundlage für die Zusammensetzung der Aktienportefeuilles dar. Identisch beurteilte Aktiengesellschaften werden zu einem Portefeuille zusammengefaßt. Es entstehen somit drei verschiedene Aktienportefeuilles, deren Rendite- und Risikoentwicklung im weiteren Verlauf untersucht werden soll. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob sich die verschiedenen Portefeuilles in ihrer Aktienkursentwicklung in solcher Weise voneinander unterscheiden, daß das Klassifikationsergebnis einen sinnvollen Beitrag zur tendenziellen Prognose von zukünftigen Kursentwicklungen leisten kann. Als Datenbasis für die angestrebte Untersuchung kommen nur Unternehmen in Frage, die einerseits vom lnsolvenzdiagnosemodell analysiert werden können und sich andererseits durch die Emission von Aktien finanzieren und deren Wertpapiertitel am Kapitalmarkt gehandelt werden, so daß Marktpreise für die Aktien feststellbar sind. Der Untersuchungszeitraum für die Jahresabschlüsse der betrachteten Unternehmen, die vom Modell ausgewertet werden, beinhaltet die Jahre 1991-1993. Insgesamt wurden 151 Unternehmen in die Untersuchung einbezogen und analysiert. Die Anzahl der in den drei Klassen enthaltenen Unternehmen erweist sich über die drei Jahre als relativ konstant. Im Durchschnitt enthält die Klasse "Weiß" 40% und die Klasse "Grau" 53,6% der Unternehmen. Hingegen steht lediglich 6,6% der Unternehmen eine Insolvenz bevor (Klasse "Schwarz"), was vom Größenverhältnis plausibel erscheint. Da die Unternehmen ausschließlich aufgrund der lnsolvenzdiagnoseurteile in das jeweilige Aktienportefeuille "Weiß","Grau" oder "Schwarz" eingelegt werden, muß eine Gleichgewichtung der Unternehmen innerhalb der Portefeuilles erfolgen. Aus diesem Grund wurden immer für jeweils 10.000,- DM Aktien des entsprechenden Unternehmens zum gültigen Kurswert des Stichtages erworben. Realitätsnah wurde die Aufnahme eines Unternehmens in ein Portefeuille gestaltet. Diese erfolgt nicht zu einem gemeinsamen Zeitpunkt, sondern wird vielmehr von dem Erscheinen des Jahresabschlusses abhängig gemacht. Dabei wird angenommen, daß ein Jahresabschluß in der Woche nach der Jahreshauptversammlung für die Unternehmensanalyse durch das Modell zur Verfügung steht. Erst in dieser Woche erfolgt dann die Aufnahme in das jeweilige Portefeuille. Für die Berechnung der Portefeuillerenditen fanden wie üblich logarithmierte Kursverhältnisse Verwendung:
mit:
Diese basieren auf wöchentlichen Renditeintervallen, die eine ausreichende Erfüllung der Normalverteilungsbedingung gewährleisten. Die logarithmierten wöchentlichen Renditen werden für die graphische Umsetzung sodann kumuliert, wodurch der auf den Einstiegskurs bezogene Anlageerfolg zu jedem Zeitpunkt abgelesen werden kann. Neben den drei dargestellten Aktienportefeuilles wird ein weiteres Portefeuille "Gesamt" gebildet, das alle 151 in die Untersuchung einbezogenen Unternehmen enthält, denn nur durch ein solches Portefeuille kann vergleichend bestimmt werden, ob die Klassifikation durch das Modell tatsächlich eine Aktienselektion bewirken kann. Diese wäre gegeben, wenn auf Portefeuille-Ebene folgende Renditeentwicklungen zu beobachten sind:
Die Betrachtung der PortefeuillerenditenDie nachfolgende Abbildung zeigt die Renditeentwicklung der Portefeuilles im Jahresabschlußjahr 1991: Wie aus dieser Abbildung zu ersehen ist, konnten die Unternehmen entsprechend ihrem Klassifikationsurteil ab März 1992 dem jeweiligen Portefeuille zugeordnet werden, da die Jahresabschlüsse der Unternehmen des Jahres 1991 erst zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht vorlagen. Der Renditebetrachtungszeitraum endet im März 1996, weil zum Zeitpunkt der Untersuchung keine aktuelleren Aktienkurse aus der Kursdatenbank der KKMDB (Karlsruher Kapitalmarktdatenbank unter Leitung von Prof. Dr. H. Göppl) zur Verfügung standen. Als besonders auffällig erweist sich die Renditeentwicklung des Portefeuilles "Schwarz". Wie vorhergesehen, stürzt der Kurswert dieses Portefeuilles ins Bodenlose, so daß sich eine durchschnittliche jährliche Rendite von 41,7% ergibt. Dagegen zeigen sich zunächst keine großen Unterschiede zwischen den Portefeuilles "Weiß" und "Grau" und dem Portefeuille "Gesamt". Erst ab Februar 1994 scheint sich das Portefeuille "Weiß" besser zu entwickeln als das Gesamtportefeuille.<//font><//font> Die Renditeentwicklung der Portefeuilles im Jahresabschlußjahr 1992 zeigt die nachfolgende Abbildung: Auf Grundlage des Jahresabschlusses 1992 weisen die Portefeuilles - abgesehen vom Portefeuille "Schwarz" - durchwegs deutlich positive Renditen auf. Die erwartete Rangfolge bleibt aber erhalten: Portefeuille "Weiß" schneidet besser, Portefeuille "Schwarz" deutlich schlechter als das Gesamtportfolio ab. Schließlich zeigt die nachstehende Abbildung die Renditeentwicklung der Portefeuilles im Jahresabschlußjahr 1993: Daß sich die Kursentwicklung des Portefeuilles "Grau" nur schwer bestimmen läßt, wird durch das Jahresabschlußjahr 1993 verdeutlicht, in welchem dieses Portefeuille über einen großen Teil des Untersuchungszeitraums besser als das Portefeuille "Weiß" abschneidet. Auch hier zeigt sich aber wieder eindrucksvoll, wie sehr das Portefeuille "Schwarz" abgekoppelt vom allgemeinen Markttrend den erwarteten negativen Kursverlauf einschlägt. Beim Vergleich von Aktienportefeuilles tritt im modernen Portefeuillemanagement die isolierte Renditebetrachtung immer mehr in den Hintergrund. Statt dessen wird heutzutage eine Performanceanalyse angestrebt, die die erzielte Rendite anhand des eingegangenen Risikos relativiert. ZusammenfassungIn dem vorliegenden Beitrag wurde untersucht, ob die krisendiagnostische Bilanzanalyse von Aktiengesellschaften eine Entscheidungshille bei der Gestaltung von Aktienportefeuilles darstellt. Für die Unternehmensanalyse wurde ein computergestütztes lnsolvenzdiagnosesystem eingesetzt, das eine nach der Schwere des Krisenverlaufs differenzierende Risikoklassenbildung vornimmt. Aus den 151 in die Untersuchung einbezogenen Unternehmen wurden auf Grundlage der Klassifikation drei Portefeuilles gebildet, um zu klären, ob ein Zusammenhang zwischen dem Klassifikationsurteil und der Renditeentwicklung der Portefeuilles besteht. Dabei handelt es sich um das Portefeuille "Weiß", das Unternehmen enthalten sollte, die eine im Vergleich zur Gesamtstichprobe überdurchschnittliche Rendite erzielen, um das Portefeuille "Schwarz", das Unternehmen enthalten sollte, die eine deutlich unterdurchschnittliche Rendite erzielen und um das Portefeuille "Grau", bei dem eine eindeutige Renditeentwicklung nicht vorausgesagt werden kann. In der empirischen Untersuchung können die erwarteten Ergebnisse bestätigt werden. Vor allem das Portfolio "Schwarz" beweist mit einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von 32% eindrucksvoll, daß mit Hilfe eines lnsolvenzdiagnosesystems Informationen gewonnen werden können, die zum Analysezeitpunkt noch nicht im Aktienkurs enthalten sind. Weiterhin schneidet das Portfolio "Weiß" in der Renditeentwicklung überdurchschnittlich ab, die Kursgewinne sind abgesehen vom Jahresabschlußjahr 1992 aber eher bescheiden, so daß es sich bei diesen Unternehmen nicht zwangsläufig um Kaufempfehlungen handelt. Der Grund hierfür ist in der Definition der Risikoklasse I zu sehen, welche ausschließlich unauffällige, d.h. nicht krisenverdächtige Unternehmen enthält. Diese Unternehmen weisen sicherlich eine solide finanzielle Basis auf, ein Garant für anhaltende Kursgewinne stellt dieses Kriterium aber nicht dar. Dagegen könnte sich ein Portefeuillemanager durch eine rechtzeitige Krisendiagnose mit Hilfe eines Insolvenzdiagnosesystems gegen potentielle Fehlkäufe absichern. Als Ergänzung zur Fundamentalanalyse erscheint die Krisendiagnose damit auch für das Portefeuillemanagement als eine sinnvolle Entscheidungshilfe bei der Aktienselektion. Autor
Erstveröffentlichung im Krisennavigator (ISSN 1619-2389): Seitenanfang |
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